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Stimmbildung im Chor (Mittenhuber)
Methodische Anleitungen und Übnungen zum chorischen Einsingen-
Textband mit 2 CDs
Die Einsing-Modelle im Überblick
Modell 1:
Felix Mendelssohn Bartholdy: Abschied vom Walde op. 59/3
(Schwerpunkte: weicher Stimmeinsatz, Lagenausgleich, Registerausgleich, große Sprünge)
Modell 2:
Felix Mendelssohn Bartholdy: Siehe, der Hüter Israels, aus: Elias op. 70
(Schwerpunkte: helle Vokale, große Sprünge)
Modell 3:
Johannes Brahms: 0 süßer Mai op. 93/3
(Schwerpunkte: weicher Stimmeinsatz, große Sprünge)
Modell 4:
Felix Mendelssohn Bartholdy: Richte mich, Gott (Psalm 43) op. 78/2
(Schwerpunkte: Legato-Fähigkeit, dramatischer Ausdruck, dynamische Wechsel, Artikulation)
Modell 5:
Robert Schumann: Zigeunerleben op. 29/3
(Schwerpunkte: Artikulation, Parlando)
Modell 6:
Johann Sebastian Bach: Magnificat BWV 243
(Schwerpunkte: Koloratur, Vokalausgleich)
Modell 7;
Joseph Haydn: Benedictus, aus der »Harmoniemesse« Hob. XXII:14
(Schwerpunkte: Melisma, leichte Tongebung, Messa di voce)
Modell 8:
Carl Orff: Carmina burana
(Einsingen für ein Konzert)
Einführung
Im Zeitalter der medialen Verbreitung hervorragender Aufnahmen im Bereich der Vokalmusik wird zunehmend der Wunsch nach einer Anleitung zur Stimmbildung und Stimmpflege insbesondere für den Laienchor geäußert. Dabei sind in vielen Chören, in denen ein Stimmbildner nicht zur Verfügung steht, der Chorleiter oder besonders disponierte Chorsänger für diese Aufgabe zuständig. Die Doppel-CD und das Begleitheft Stimmbildung im Chor liefern hierzu Einsing-Modelle und bieten somit eine methodische Hilfestellung zur Entwicklung sinnvoller Einsing-Übungen. Der Vorteil einer solchen Konzeption liegt darin, daß die Einsing-Modelle nicht nur theoretisch erörtert, sondern durch die Klangbeispiele direkt praktisch veranschaulicht werden. Auf diese Weise wird unmittelbar hörbar, wie einzelne Übungen ausgeführt werden sollen. Methodisch gesehen wird hier ein Konzept vorgelegt, das der immer wieder zu vemehmenden Forderung, den Chor im Hinblick auf die ihn erwartenden Aufgaben im zu erarbeitenden Chorstück einzusingen, Rechnung tragen soll. Dabei wird ausgehend von einer Komposition der bekannteren Chorliteratur, die als Modell für bestimmte Problemstellungen stimmlicher Art gelten kann, eine mögliche Umsetzung vorgestellt, die dann auch auf beliebige weitere Kompositionen mit ähnlichen Problemstellungen übertragen werden kann. Konkrete methodische Hilfestellungen sollen die Entwicklung eigener Übungen erleichtern.
CDs und Begleitheft wenden sich damit an alle, die an der Stimmbildung bzw. an den Ergebnissen stimmbildnerischer Arbeit im Chor interessiert sind. Die im folgenden verwendete Bezeichnung "Stimmbildner" schließt selbstverständlich Damen und Herren ein, neben dem eigentlichen Stimmbildner gleichermaßen auch alle Chorleiter und Chorsänger, die stimmbildnerische Aufgaben übernehmen und den stimmlichen Leistungsstand im Chor verbessern helfen wollen.
Die nachfolgenden Fragen zur chorischen Stimmbildung dienen als Orientierungshilfen und Anregung zur Entwicklung eigener Einsing-Übungen, wobei die ersten beiden Fragen den Gesamtkomplex der chorischen Stimmbildung betreffen, während die beiden letzten konkret auf die Methodik des Einsingens bezogen sind.
Frage 1: Welchen Sinn hat chorische Stimmbildung?
Chorische Stimmbildung ist in erster Linie dazu nötig, den Chorsänger in der Weise einzustellen, daß er den Erfordernissen, die das Chorsingen an ihn stellt, gewachsen ist. Im Idealfall sollte dabei ein flexibler, ausgeglichener, homogener Chorklang angestrebt bzw. erreicht werden. Außerdem dient die stimmliche Unterweisung der Gesunderhaltung der Stimmen, indem der Stimmbildner auf mögliche Fehlfunktionen hinweist und diese zu vermeiden hilft.
Frage 2: Welche Aufgaben hat ein Stimmbildner im Chor?
Der Stimmbildner sollte den Chor am Beginn einer jeden Probe bzw. vor jedem Konzert ein singen und den Chors änger damit im oben beschriebenen Sinne stimmlich einstellen. Da Einsingen auch eine Art von Aufwärmen bedeutet, ist dies unerläßlich und sollte je nach Umfang der Aufgaben etwa 15 bis 30 Minuten in Anspruch nehmen. Zudem ist es sehr hilfreich, wenn der Stimmbildner bei den anschließenden Proben anwesend ist, bei Bedarf an schwierigen Passagen eingreift und somit technische Hilfestellungen zur besseren Umsetzung geben kann. Nicht zu unterschätzen ist darüberhinaus die Bedeutung der Einzelstimmbildung bzw. der regelmäßigen Einzelstimmüberprüfung. Da nicht in jedem Chor die Möglichkeit zur Einzelstimmbildung durch einen Stimmbildner gegeben ist, sollte zumindest eine mehr oder weniger regelmäßige Einzelstimmüberprüfung durch den Chorleiter erfolgen. Sie ermöglicht erst eine Kontrolle des guten Tons und hilft auch, ein Verständnis für technisch anspruchsvollere Übungen zu wecken. Nur wer weiß, wie er seinen Stimmklang verbessern kann, wird dies auch mit Freude und Enthusiasmus tun.
Frage 3: Was darf der Chorsänger vom Einsingen erwarten?
Das Einsingen hat demzufolge den Zweck, den gesamten Organismus aufzuwärmen (sportliche Komponente) und den Chorsänger auf die speziellen Anforderungen, die während des Singens der Literatur an ihn gestellt werden, vorzubereiten (ideale stimmliche Einstellung). Daraus wird ersichtlich, daß ein Einsingen nicht ein Abspulen eines starren, festgefügten Übung sprogrammes sein kann, sondern eine sinnvolle Aufeinanderfolge eigens gewählter Übungen ist, die je nach der zu erarbeitenden Chorliteratur variieren muß. Der Erfolg des Einsingens ist somit entscheidend von der Kreativität, der Phantasie und der Persönlichkeit des Stimmbildners abhängig. Dieser trägt durch die gezielte sinnvolle Auswahl seiner Übungen, das gute Vorsingen, das genaue Hinhören sowie durch die notwendigen Korrekturen während des Übungsverlaufs maßgeblich zum Klangergebnis bei.
Frage 4: Wie entwickle ich ein sinnvolles chorisches Einsingen?
Für die Planung eines Einsingens sind zwei Aspekte wesentlich:
1. Die Erarbeitung grundlegender Teilgebiete der (chorischen) Stimmbildung.
2. Die Analyse des Chorsatzes in bezug auf stimmliche Schwierigkeiten mit der anschließenden Entwicklung geeigneter Übungen.
Zu Punkt 1:
Als wichtige Teilgebiete der chorischen Stimmbildung1 sind zu nennen:
- Haltung und Atmung
- Basierung der Stimme (Körperklang, Weitung des Ansatzrohres)
- Vokalbildung, Vokalsitz, Vokalausgleich
- Weicher Stimmeinsatz
- Guter Stimmbandschluß
- Gute Artikulation
- Lagenausgleich (Umfangserweiterung)
- Registerausgleich
- Resonanzerweiterung
- Koloraturfähigkeit4
- Messa di voce-Fähigkeit4
Zu Punkt 2:
Bei der Analyse des Chorsatzes in bezug auf stimmliche Schwierigkeiten sollten folgende Fragen mit einbezogen werden:
- Welche dynamischen und melodischen Grenzwerte haben die einzelnen Stimmen? (Vom tragenden forte-Klang bis zum gestützten piano-Klang, Registerübergänge, Schwierigkeiten beim Lagenausgleich?), siehe Modelle 1, 3 und 5
- Wie ist der intervallische Aufbau der einzelnen Stimmen?
(Große undloder schwierige Intervallsprünge?), siehe Modelle 1, 2 und 3
- Gibt es eine Dominanz bestimmter Vokale?
(Helle, dunkle Vokale; direkte, offene Vokalansätze; schwierige Vokalverbindungen?), siehe Modelle 2, 3 und 6
- Welche atemtechnischen Anforderungen stellt der Satz?
(Weite Legato-Bögen oder kurzes Parlando?), siehe Modelle 4 und 5
- Sind Melismen, Koloraturen, Orgelpunkte oder Liegetöne vorhanden?, siehe Modelle 2, 6 und 7
- Wie soll sich die Tongebung gestalten? (frisch, verhalten nachdenklich, klangvoll, zart, bedeutungsvoll deklamierend etc.?), siehe Modelle 4, 7 und 8
Das zu entwickelnde Einsingen besteht nun aus einer Kombination aus beiden Arbeitsbereichen mit anschließender Auswahl sinnvoller Übungen, wobei das Nebeneinanderstehen von standardisierten und variablen Teilen durchaus wünschenswert ist. Dies hat nämlich den Effekt, daß durch die neue Kombination der Übungen die Aufmerksamkeit des Chorsängers erhöht wird und so bekannte, gutgehende Übungen nicht der Gefahr unterliegen, nur heruntergesungen zu werden.
Sinn und Zweck dieser Art des Einsingens ist, daß der Chorsänger mit Hilfe bestimmter Übungen schwere Stellen der Chorliteratur isoliert und gegebenenfalls unter erleichterten Bedingungen (vereinfacht, transponiert) üben kann. Die bei der Ausführung gewonnene gute Einstellung sollte dann beim Singen im Zusammenhang auf das Stück übertragen werden, was u.a. durch die erhöhte Aufmerksamkeit und den Abbau von Ängsten vor einer solchen Stelle meist zu einer Verbesserung und zu mehr Sicherheit führt.
Die CDs mit ausgewählten Bei spielen sollen das bisher Ausgeführte praktisch verdeutlichen, indem sie Einsing-Modelle mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung vorstellen. Dabei bleibt jedoch zu berücksichtigen, daß ein Chorstück meist mehrere Problembereiche streift.
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